Erhobene Vitalparameter

In der Notaufnahme ist gerade der „Bus“ angekommen. Trotz vorangeschrittener Uhrzeit warten bei Ankunft des Patienten aktuell 4 weitere Patienten (zwei davon ebenfalls durch den Rettungsdienst gebracht) auf die Triage. Die Notfallpflegekraft erhebt folgende Vitalparameter:

Blutdruck

147/68

mmHg

Puls

92

/min

SpO2

100

% (mit 4 l O2 via NB)

Atemfrequenz

16

/min

Temperatur

35,4

°C

Im klinischen Ersteindruck („Eyeballing“) zeigt sich ein kreislaufstabiler, jedoch vigilanzgeminderter Patient mit erhaltenen Schutzreflexen. Du erklärst dir die quantitative Bewusstseinsstörung zunächst im Rahmen einer postiktalen Phase und der sedierenden Wirkung von 10 mg Midazolam intranasal.

Jedoch fällt dir bei genauerer Betrachtung des Patienten auf, dass er vermehrt schwitzt. Die Herzfrequenz ist mit 92/min ebenfalls erhöht. Nachdem das eine der beiden verfügbaren Blutgasanalysegeräte gerade kalibriert, hälst du nun endlich die venöse BGA in der Hand, die deine Befürchtungen bestätigt.

SOP Quiz

Welche Aussage stimmt nicht?
A
Bei dem Patienten liegt eine erneute schwere Hypoglykämie vor
B
Ein Hämoglobinwert von 17,8 g/dl kann insbesondere bei älteren Menschen auf eine Exsikkose hindeuten
C
Die milde Hypokaliämie ist mutmaßlich Folge der Insulinüberdosierung
D
Die sofortige intravenöse Gabe von Glukose ist indiziert
E
Der Patient sollte aufgrund der Vigilanzminderung eine sofortige cCT erhalten
Welche Aussage trifft zu?
A
Glukose G40 % darf intravenös nur über einen ZVK verabreicht werden
B
Bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit bzw. Malnutrition und Hypoglykämie muss zur Prophylaxe einer Wernicke-Enzephalopathie noch vor der Glukosegabe Thiamin verabreicht werden
C
Bei einer schweren Hypoglykämie mit Vigilanzminderung sollten Patienten primär schnell verfügbare Kohlenhydrate wie Orangensaft p.o. erhalten
D
Die Symptome einer Hypoglykämie können in Symptome der autonomen Gegenregulation und neuroglukopenische Symptome eingeteilt werden
E
Die Blutzuckerschwelle, ab der Symptome auftreten liegt bei allen Menschen bei 70 mg/dl
Welche Aussage trifft zu?
A
Die Gabe von 1 mg Glukagon i.m./s.c. ist auch bei liegendem Zugang Mittel der Wahl
B
Ein akutes Leberversagen geht nicht mit einer Hypoglykämie einher
C
Leitliniengerecht soll bei bewusstlosen Patienten die Gabe von 20 g Glukose i.v. erfolgen
D
Patienten können nach hergestellter Euglykämie regelhaft nach Hause entlassen werden
E
Die Wirkdauer von Insulin unterscheidet sich in der Regel nicht

Von deiner Notfallpflege lässt du dir 5 Ampullen G40% pur aufziehen

Diese verabreichst du, indem du sie über einen Dreiwegehahn einer schnell laufenden Vollelektrolytlösung passager zuspritzt. Nach Gabe dieser 20 g Glukose i.v. wird der Patient rasch wach, er ist adäquat und orientiert, verneint akute Beschwerden. Er berichtet, dass er sich das Insulin „wie immer“ gespritzt habe. Er habe aber in letzter Zeit einen verminderten Appetit.

Die Pflege bestimmt den Blutzucker an der sauberen Fingerbeere, dieser beträgt nun 170 mg/dl. Zur Vermeidung einer erneuten Hypoglykämie erhält der Patient ein Käsebrot, einen Joghurt und ein Glas Orangensaft. Der Patient berichtet jedoch, dass er aktuell keinerlei Hunger habe und lehnt trotz, mehrfacher Betonung deinerseits über die Wichtigkeit der Maßnahme, es ab, etwas zu essen oder zu trinken.

Weitere Notfälle treffen ein, die deine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Als du erneut den Zustand deines Patienten überprüfst ist dieser wieder somnolent und reagiert nur auf Schmerzreiz mit gezielter Abwehr.

SOP Quiz

Was machst du nun?
A
Spätestens jetzt hat sich der Patient eine cCT „verdient“
B
Unter dem Verdacht einer Meningitis beginnen ich mit einer antibiotischen Therapie
C
Ich lasse den Patienten schlafen, da er von seinem Krampfanfall sicher erschöpft ist
D
Ich nehme umgehend eine erneute Blutzuckerbestimmung vor
E
Keins der genannten Dinge

Nach Glukosegabe klart der Patient wieder vollständig auf.

Was spricht nicht für eine suizidale Absicht der Insulinapplikation?
A
Erneute Hypoglykämie trotz Krankenhausaufenthalt bereits wenige Tage zuvor aufgrund einer Hypoglykämie mit Reduzierung der Insulindosis
B
Verweigerung einer oralen Flüssigkeits-/Nahrungsaufnahme
C
Milnacipran in der Dauertherapie
D
Starke Hypoglykämieneigung, die vereinbar ist mit einer absichtlichen starken Überdosierung von langwirksamem Insulin
E
Der kognitive Status des Patienten

Der Patient verneint auch auf direkte Nachfrage vehement eine suizidale Intention. Im Verlauf kommt es immer wieder zu erneuten Blutzuckerabfällen. Du beginnst zusätzlich eine Glukose 10%-Dauerinfusion.

Der Patient erhält in der Notaufnahme kumulativ folgende Medikamente:

2x Glucose 40% (= 4,4g /10ml) i.v.

Eine Tube Jublin p.o.

Glucose 10% 500ml iv.

KCI (Kaliumchlorid 7,45 %) 40 mmol/40 ml ad Sterofundin 1000 ml i.v. über 4 h

Glucose 48g fraktioniert iv.

SOP Quiz

Wohin sollte der Patient verlegt werden?
A
Der Patient kann nun ambulant geführt werden, sofern er regelmäßig seinen Blutzucker misst
B
Der Patient sollte in der Notaufnahme weiter überwacht werden
C
Die Verlegung auf eine IMC-Station mit engmaschigem Monitoring des Blutzuckers erscheint sinnvoll
D
Der Patient sollte an ein endokrinologisches Zentrum verlegt werden
E
Der Patient kann auf Normalstation verlegt werden mit (halb-)stündlichen Blutzuckerkontrollen

Wie ging es weiter?

Der Patient wurde auf unsere IMC-Station aufgenommen, auf der er 7 Tage behandelt wurde. Der Patient gab letztlich zu, sich supraphysiologische Mengen des langwirksamen Insulins Tresiba® (Halbwertszeit 25 h) verabreicht zu haben, um sich das Leben zu nehmen.

Auszug aus dem Verlegungsbrief in die Psychiatrie

„Wir übernahmen den Patienten nach Krampfanfall im Rahmen einer Hypoglykämie bei Insulinüberdosierung zur weiteren Überwachung auf unsere IMC. Die BZ-Werte zeigten sich anhaltend erniedrigt, so dass eine dauerhafte Glucose- Infusionstherapie indiziert war, für die schließlich die Anlage eines ZVKs erfolgte. Eine begleitende Hypokaliämie wurde ebenfalls entsprechend substituiert. Nur zögerlich kam es, bedingt durch die Halbwertszeit von Tresiba® und fortgesetzter Verweigerung einer Nahrungsaufnahme, zu einer Stabilisierung der Blutzuckerwerte. Schließlich konnte die Glucosegabe bei stabilen Werten beendet werden. Auf erneute Nachfrage im Gespräch wurde nun die bewusste Applikation von Insulin trotz fehlender Nahrungsaufnahme angegeben. Es erfolgte die neurologische Mitbeurteilung. Bei Diagnose einer Depression mit akuter Suizidalität war nach Stabilisierung die Verlegung in die Psychiatrie angezeigt.“

Key Learnings

Bei Vigilanzminderung bzw. neurologischen Auffälligkeiten: Stets den Blutzucker checken

Auch nach Glukosegabe kann es zu erneuten Hypoglykämien kommen. Engmaschige Kontrollen und stetige Re-Evaluation

Die gemäß Leitlinie korrekte Dosierung zur Behandlung eines bewusstlosen Patienten sind 20 g Glukose i.v. (häufig wird zu wenig gegeben)

Bei Hypoglykämie muss immer die Ursache aktiv gesucht werden, um erneute Hypoglykämien zu verhindern

Auch eine Insulinapplikation in suizidaler Absicht muss immer bedacht werden

Der passende Leitfaden

Hypoglykämie

Die Hypoglykämie bezeichnet ein Absinken der Blutglukose unter einen kritischen Schwellenwert mit Symptomen wie Schwitzen, Tremor, Verwirrtheit bis hin zu Bewusstlosigkeit und Krampfanfällen. In der Notaufnahme ist sie eine häufige und zeitkritische Diagnose, die rasches Handeln erfordert. Diese SOP beschreibt das strukturierte Vorgehen von Diagnostik über die Glukosegabe bis zur Ursachenabklärung und Überwachung – evidenzbasiert und praxisnah.

Der passende Leitfaden

Hypoglykämie

Die Hypoglykämie bezeichnet ein Absinken der Blutglukose unter einen kritischen Schwellenwert mit Symptomen wie Schwitzen, Tremor, Verwirrtheit bis hin zu Bewusstlosigkeit und Krampfanfällen. In der Notaufnahme ist sie eine häufige und zeitkritische Diagnose, die rasches Handeln erfordert. Diese SOP beschreibt das strukturierte Vorgehen von Diagnostik über die Glukosegabe bis zur Ursachenabklärung und Überwachung – evidenzbasiert und praxisnah.

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